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Goethe-Gesellschaft Heidelberg e.V.

Ansprache der Vorsitzenden der Goethe-Gesellschaft, Dr. Letizia Mancino-Cremer


Mit Botanik gibst du dich ab, mit Optik? Was tust du?
Ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz?
Ach die zärtlichen Herzen! Ein Pfuscher vermag sie zu rühren;
Sei es mein einziges Glück, dich zu berühren, Natur!


Sehr geehrter Herr Bürgermeister Schaller, sehr geehrter Herr Prorektor, sehr verehrte Gäste, die zitierten Goethe-Verse vom Jahr 1790 sind die Bestätigung einer Entscheidung, die der Dichter 1788 in Rom gefaßt hatte. Er notierte:

Ferner habe ich allerlei Spekulationen über Farben gemacht, welche mir sehr anliegen, weil das der Teil ist, von dem ich bisher am wenigsten begriff. Ich sehe, daß ich mit einiger Übung und anhaltendem Nachdenken auch diesen schönen Genuß der Weltoberfläche mir werde zueignen können. Ich werde diese Einführung zu Goethes Farbenlehre auf wenige Minuten beschränken, solange wie die Erscheinung eines Regenbogens.

Goethe selbst widmete dem Thema einen großen Teil seines weiteren Lebens. Von 1790 bis 1832, also 43 Jahre lang, ist er damit beschäftigt. Wenige Zeitgenossen, darunter Schiller, Johann Heinrich Meyer, Otto Runge, Hegel, Henning, Boisseree, Seebeck, wird er auf seiner Seite haben.

Seine optischen Studien nach der Venedig-Reise erscheinen 1791 und 1792 in dem Buch Beiträge zur Optik. Diese Abhandlung stellt einen ersten Teil der Farbenlehre Goethes dar. Diese wird 20 Jahre später erscheinen; mit 1400 Seiten ist sie nicht nur Goethes umfangreichstes Werk, sondern auch sein Vermächtnis.

Es ist daher nicht überraschend, daß 1793, ein Jahr nach dem Erscheinen der Beiträge zur Optik, Goethe in Heidelberg mit dem Schwager Schlosser auch über das Phänomen der Farben und über die Theorie des Lichtes von Isaak Newton spricht.

Nach Newtons Auffassung war das Licht aus einzelnen materiellen, korpuskularen Farbstrahlen" zusammengesetzt. Und was war Goethes Auffassung? Spaltet immer das Licht! Wie öfter strebt ihr zu trennen, Was euch allen zum Trutz Eins und Ein Einziges bleibt. So der Dichter. Eine fundierte Widerlegung der Newtonschen Theorie über die Natur des Lichtes, einer Lehre, die Goethe als einen ungeheuren Irrtum betrachtete, brauchte, so erklärte Goethe dem Schwager, die Gesellschaft verschiedenartiger Männer.

Nicht nur Physiker und Mathematiker, Mechaniker, sondern auch Färber, Maler und Philosophen sollten, jeder von seiner Seite, zusammenarbeiten.

Goethes ganzheitliches Denken förderte eine ganzheitliche, sich gegenseitig ergänzende Mitwirkung:

Der Physiker soll sich eine Methode bilden, die dem Anschauen gemäß ist; er soll sich hüten, das Anschauen in Begriffe, den Begriff in Worte zu verwandeln, und mit diesen Worten, als wären's Gegenstände, umzugehen und zu verfahren; er soll von den Bemühungen des Philosophen Kenntnis haben, um die Phänomene bis an die philosophische Region hinanzufuhren.

Der Schwager zeigte jedoch kein Verständnis und wahrscheinlich war seine Reaktion: Was tust du in Heidelberg, ist es nicht schönrer Gewinn, rühren ein zärtliches Herz?

Nur wenige Wochen nach dem Treffen mit dem Schwager erhielt Goethe einen Brief von dem Physiker Lichtenberg, der seine Beiträge zur Optik unmittelbar nach ihrem Erscheinen erhalten hatte. Goethe war von der Antwort enttäuscht, daß Lichtenberg offensichtlich nicht mit ihm zusammenarbeiten wollte.

Goethes Farbenlehre verdanken wir dem Umstand, daß er im Kampf gegen Newton nicht die erhoffte Unterstützung fand. Die Physikerschule war einhellig auf Newtons Seite. Selbst der freundliche Briefwechsel mit Lichtenberg wurde schon einige Jahre vor dem Tode Lichtenbergs unterbrochen. Goethe mußte allein seine Studien fortsetzen: Er wird der Verteidiger des göttlichen Ursprunges des Lichtes gegen den Atomismus seiner Zeit. Im Jahre 1796 schreibt Goethe: Wohne Du ewiglich Eines dort bei dem ewiglich Einen, Farbe, du wechselnde, kommst freundlich zum Menschen herab. Goethes Arbeit zur Farbenlehre gliedert sich in einen didaktischen Teil, in einen polemischen Teil, und in Materialien zur Geschichte der Farbenlehre." Das Werk erscheint 1810, und in dem gleichen Jahre erscheint auch Otto Runges Abhandlung Die Farbenkugel.

Der Maler Runge empfand wie Goethe das Licht als göttliche Emanation. Ich zitiere aus einem Text Runges aus dem Jahre 1806:

Wie das ewige Licht im Anfange alle Kreatur und alle Farben erzeugte, daß es sich selbst erschaute in seiner innersten Herrlichkeit, so wirket die innigste Sehnsucht des Gemüts, daß es alle Kreatur in Liebe durchdringe ... Das Licht scheinet in die Welt, daß es die Finsternis durchdringe, und der Ausfluß des Lichts sind die drei Farben [rot, gelb, blau], welche von Ewigkeit zu Ewigkeit den Herrn preisen.

In der Ausstellung sind daher Goethes Farbenlehre und Runges Die Farbenkugel neben einer Merian-Bibel, die Goethe bekanntlich schon in der Jugendzeit studierte, ausgestellt. Die Merian-Bibel ist am Anfang des Johannes-Evangeliums aufgeschlagen.

Die Farben sind Taten des Lichtes, Taten und Leiden". Mit diesen Worten vertritt Goethe die These, daß die Farberscheinungen durch die Begegnung mit der Materie erst werden, im Einklang nicht nur mit dem Maler Otto Runge, sondern auch mit dem Philosophen Hegel.

Hegel war damals, 1817, Professor in Heidelberg, als die erste Ausgabe seiner Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften erschien. In dem Werk ergreift er Goethes Partei. Ich zitiere:

Nach der bekannten Newtonischen Theorie besteht das weiße, das ist das farblose Licht, aus fünf oder sieben Farben ... Über die Barbarei, daß das Helle hier sogar aus sieben Dunkelheiten bestehen soll... kann man sich nicht stark genug ausdrücken.

Goethe teilt seine Freude über die Zustimmung des Philosophen in einem Brief an Boisseree mit:

Herrn Hegel grüßen Sie zum Allerschönsten und danken ihm, daß er mir so mächtig zur Hilfe kommt. Goethes Farbenlehre stieß nämlich gleich nach ihrer Publikation auf Kritik. Sie wurde in den Heidelbergischen Jahrbüchern von dem Philosophieprofessor Jakob Friedrich Fries rezensiert und negativ beurteilt.


So brauchte Goethe die Hilfe von Freunden für die Verteidigung seiner Farbenlehre. Hegel äußerte sich darüber in seiner Enzyklopädie wie folgt:

Ein Hauptgrund, warum die ebenso klare als gründliche und gelehrte Beleuchtung dieser Finsternis im Lichte nicht eine wirksamere Aufnahme erlangt hat, ist ohne Zweifel dieser, weil die Gedankenlosigkeit und Einfältigkeit, die man eingestehen soll, gar zu groß ist.

Ein sehr originelles Geschenk von Goethe erhielt 1821 Hegel, der von Heidelberg nach Berlin berufen wurde. Es war ein Trinkglas, das durch besonderen Schliff und ein Stück schwarze Seide die beiden Urphänomene zur Erscheinung brachte. Hegel schätzte es so sehr, daß er in seinem Dankbrief schrieb, es sei ein vergnüglicheres Stück von Apparat als der dreieckige Glasprügel, womit ohnehin der Satansengel die Physiker schlägt". Gemeint ist hier natürlich das Newtonsche Prisma.

Ob die Euphorie für das Trinkglas bewirkt hat, daß in der zweiten Ausgabe der Enzyklopädie von 1827 mehrere Paragraphen (§317- 320) sich auf Goethes Farbenlehre beziehen, wissen wir nicht.

Verehrte Gäste! Wenn die Rede auf den Wein kommt, ist dies ein Signal, daß sich die Zeit des zwanglosen Beisammenseins in den Räumen der Universitätsbibliothek nähert.

Bevor wir dies tun, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf diese 8 Würfel lenken, die Goethes Theorie darstellen sollen, daß das Prisma nur Farben zwischen weißem Licht und schwarzer Finsternis zeigt. Damit möchte ich zugleich Ihre Neugier erwecken für die Experimente, die am 27. April Herr Professor Cremer zusammen mit Herrn Gerhard Jähnichen vorfuhren werden. In Goethes Farbenlehre lesen wir:

Überhaupt wäre es zu wünschen, daß die Deutschen, die so vieles Gute leisten, in dem sie sich das Gute fremder Nationen aneignen, sich nach und nach gewöhnten, in Gesellschaft zu arbeiten. Lieber Herr Geheimrat! Zu Ihrem Jubiläum hat die Goethe-Gesellschaft Heidelberg versucht, diesen Herzenswunsch zu erfüllen.

Vielfältig wie die Farberscheinungen waren die Unterstützungen, die die Goethe-Gesellschaft Heidelberg für diese zwei Ausstellungen erhalten hat. Der Universität Heidelberg verdankt sie die Überlassung der Ausstellungsräume in der Universitätsbibliothek, sowie die heutige feierliche Eröffnung.

Ausdrücklich möchte ich mich bei Herrn Direktor Dr. Dörpinghaus herzlich bedanken. Er war die erste Person, mit der ich im Januar 1996 über die Möglichkeit einer Ausstellung der Goethe-Gesellschaft im Goethe-Jahr gesprochen habe. Seine positive Reaktion ermutigte mich, dem Vorstand der Goethe-Gesellschaft einen entsprechenden Vorschlag zu machen.

Sehr geehrter Herr Dörpinghaus, unser Dank gilt Ihren Mitarbeitern, insbesondere Frau Dr. Mauthe und dem Diplom-Restaurator Dannehl, sowie Frau Palmcr-Kessler. Herrn Stanske und Dr. Bonte.

Dem Kulturamt der Stadt Heidelberg dankt die Goethe-Gesellschaft für die finanzielle Unterstützung, aber auch für die wichtige Öffentlichkeitsarbeit.

Weitere finanzielle Unterstützungen kamen von der Volksbank Heidelberg, von den Mitgliedern unserer Gesellschaft sowie von Leica Heidelberg.

Für wertvolle Leihgaben danken wir dem Mineralogischen Institut mit Herrn Dr. Seitz; dem Physikalischen Institut der Universität Heidelberg mit Hern! Dr. Trost. Ganz herzlich danken wir der Werkstatt des Physikalischen Instituts, insbesondere Herrn Jährlichen und seinen Kollegen, Herrn Wachholz und Herrn Häfner.

Für die wertvolle Leihgabe eines Mikroskops aus der Goethe-Zeit danken wir dem Ernst-Abbe-Museum in Jena.

Wir danken den Künstlern Christiane Haid, Rolf Buwing, Andreas Urbanski sowie Konditormeister Robert Gantert für die künstlerischen Leihgaben.

Für Beiträge zu Konzept und Einrichtung der Ausstellung Zu Goethes Farbenlehre" danken wir Diplom-Chemiker Martin Rozumek, Professor Peter Brix, Professor Christoph Cremer.

Für die musikalische Umrahmung am heutigen Abend gilt unser Dank Frau Maria Haas und Frau Manuela Weiss, die am Ende spielen werden. Für den Empfang danke ich dem Freundeskreis der Brötchenschmierer der Goethe-Gesellschaft" sowie Herrn Dr. Bahls und seinen Studenten.


Wenn ich nun endlich den Namen von unseres Mäzens, Herrn Professor Günther Debon, nenne, tue ich dies, um ihm ausführlich danken zu können:

Sehr verehrter Herr Professor Debon, Ihnen ist die Goethe-Gesellschaft besonders verpflichtet: Sie haben die umfangreiche Ausstellung Goethe und Heidelberg" allein konzipiert und eingerichtet. Sie waren unermüdlich tätig für diese sehr gelungene Ausstellung, die in einem schönen Katalog festgehalten wird. Dafür möchte ich mich bei dem Verlag Guderjahn herzlich bedanken.

Goethes Besuche in Heidelberg und die Farbenlehre haben die Zahl 8 gemeinsam. Erlauben Sie mir, sehr verehrter Herr Professor, Ihnen diese 8 Farbenwürfel im Namen der Goethe-Gesellschaft zu überreichen.

Goethes Farbenlehre will bekanntlich getan werden; unsere Farben wollen sogar getrunken werden. Mit Freude und Dank hier der Goethe-Wein!



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